Businessplanwettbewerb für Unternehmensgründer

Der bundesweite Businessplanwettbewerb promotion Nordhessen leistet wertvolle Unterstützung durch nachhaltige Förderung neuer Unternehmensgründungen mittels Businessplanberatung, aktivem Netzwerkmanagement sowie der Vermittlung von Gründer Know-how.
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„Barrieren begreifen lernen!“

Durch den gesamten städtischen Raum bis zur einzelnen Wohnung muss sich die Barrierefreiheit perspektivisch hindurch ziehen. Kreative, nutzerorientierte Gestaltung steht für Gudrun Jostes, freie Sachverständige und Fachplanerin für Barrierefreies Bauen, dabei im Vordergrund.

Interview: Miriam Claus

MC: Wo müssen wir ansetzen, wollen wir das Thema „barrierefreies Bauen“ in den Köpfen verankern?
GJ: Wir müssen Planer und Handwerker schulen und die Gesellschaft sensibilisieren.
MC: Was heißt das für Sie konkret?
An der Universität Kassel baue ich am Fachbereich Architektur den Bereich Barrierefreies Bauen mit auf. Es gibt ein Basisseminar "Barrierefreies Bauen" und seit dem WS 2011/12 jedes Semester ein Vertiefungsseminar, in dem die Studierenden ihr Wissen in Entwürfe umsetzen.
MC: Wie führen sie Studierende an das Thema heran?
GJ: Es gibt zum Einstieg Informationen über die aktuellen gesetzlichen und technischen Grundlagen – von der UN Behindertenrechtskonvention bis zur DIN 18040 und VDI Richtlinie 6008. Der Fokus liegt auf den praktischen Erfahrungen, Spaziergänge mit Rollstühlen, Simulationsbrillen und Langstöcken. Der Punkt ist: Sie müssen Barrieren begreifen, um zu verstehen, was Barrieren für Menschen mit Mobilitäts- und Sinneseinschränkungen bedeuten. Wer einmal im Rollstuhl saß und versucht hat, über eine Schwelle zu kommen, der erfährt, worum es geht.
MC: Was ist mit Architekten, die sich längst auf dem Markt etabliert haben?
GJ: Es gibt Architekten, die sich sehr bemühen, barrierefreie Anforderungen in ihre Planungen einzubinden. Andere sind zurückhaltend oder haben die Tragweite des barrierefreien Bauens noch nicht erkannt. Es passiert nicht selten, dass in öffentlichen Gebäuden Rampen und Fahrstühle eingeplant werden – was zweifellos notwendig ist – aber die Bedürfnisse von sinneseingeschränkten Menschen nicht berücksichtigt werden. Dies sind beispielsweise Leit- und Orientierungssysteme, kontrastreiche Gestaltung und akustische Maßnahmen sowie taktile Informationen.
MC: Haben Sie eine Idee, wie es anders laufen könnte?
GJ: Entsprechend des Hessischen Behinderten-Gleichstellungsgesetz – HessBGG – müssen u.a. Landesbauten barrierefrei gestaltet werden. Hier wären vorbildliche barrierefreie Konzepte wünschenswert, die auf andere Bauvorhaben sinngemäß übertragbar wären.

„Barrierefrei bedeutet Komfort für alle“

MC: Wie stellt sich die Situation bei den Handwerkern dar?
GJ: Die Handwerkskammer Kassel bietet ein zweitägiges, intensives Grundseminar an, was mit einem Zertifikat abschließt. Darüber hinaus wird ein halbtägiges Spezialseminar zur barrierefreien Badgestaltung angeboten.
MC: Und nach nur zwei Tagen ist ein Handwerker fit?
GJ: Er hat danach einen Einblick in das barrierefreie Bauen. Für Probleme, die im Rahmen der praktischen Arbeit auftauchen wären vertiefende Veranstaltungen wünschenswert.
MC: Wird Barrierefreiheit für die Auszubildenden im Handwerk so thematisiert, wie es jetzt bei den Studierenden beginnt?
GJ: Nein, Handwerker müssen sich selbst fortbilden. Ziel führend wäre es, dieses Thema in die Gesellenprüfung einzubinden.
MC: Welche anderen Berufsgruppen tangiert das Thema Barrierefreiheit?
GJ: Die freie Wirtschaft hat die Potentiale der demographischen Entwicklung erkannt und bietet mittlerweile eine unfangreiche Palette von Produkten, vor allem für altersgerechtes Wohnen an.
MC: Der demografische Wandel hat also die Bemühungen um barrierefreie Lösungen befeuert?
GJ: Das kann man so sagen. Barrierefreiheit bedeutet Komfort für alle. Wenn Sie mit Rollen unterwegs sind, sei es z.B. mit einem Kinderwagen oder einem Rollator, sind Sie über jeden ebenerdigen Eingang dankbar. Auch mit viel Gepäck sind breite Türen und ausreichende Bewegungsflächen sehr hilfreich. Durchgängige Leit- und Orientierungssysteme nach dem Mehr-Sinne-Prinzip gestaltet, also taktil, visuell und akustisch erfassbar, sind für Menschen mit Sinneseinschränkungen notwendig, für alle anderen überaus hilfreich.
MC: So wie nun an vielen Tram-Haltstellen?
GJ: Genau. Nur sind dies noch Insellösungen. Barrierefreiheit muss sich durch den gesamten städtischen Raum hindurchziehen. Hierzu bedarf es städtebaulicher Konzepte, die bei jeder Baumaßnahme die barrierefreien Anforderungen systematisch und frühzeitig einbinden.
MC: Und in den eigenen vier Wänden?
GJ: Da müssen wir zwischen Bestand und Neubau differenzieren. Im Bestand kann Barrierefreiheit technisch und somit auch finanziell einen hohen Aufwand erfordern. Im Neubau kann Barrierefreiheit frühzeitig in das Gesamtkonzept mit geringen Mehrkosten eingeplant werden.

„Über tragfähige und finanzierbare Alternativen nachdenken“

MC: Der Bestand ist ein Problem?
GJ: Es gibt genügend technische und gestalterische Möglichkeiten, hier dürfen Planer ihre Kreativität beweisen. Kompromisse sind vertretbar, solange sie nutzerorientiert funktionieren. Die Schutzziele der DIN 18040 können auch auf andere Art und Weise, als im DIN Text beschrieben erreicht werden.
MC: Aber Barrierefreiheit ist doch nun mal über die DIN-Norm geregelt.
GJ: Ja, als technisches Regelwerk. Barrierefreies Bauen ist nicht nur DIN-gerechtes Bauen. Wir müssen uns sehr genau die Bedürfnisse der Menschen anschauen. Im öffentlichen Bereich müssen wir nach DIN 18040 planen, da wir den unterschiedlichsten Bedürfnisse gerecht werden müssen. Im Privatbereich kennen wir in der Regel die Bewohnerinnen und Bewohner, somit können wir individuell, nutzerorientiert planen und bauen. Ein DIN-gerechtes Badezimmers könnte für einen z.B. kleinwüchsigen Menschen zur Barriere werden.
MC: Ältere Menschen weisen oft vehement darauf hin, sie seien ja noch fit und bräuchten keine barrierefreien Maßnahmen.
GJ: Tritt eine Einschränkung ein, wird ein Umbau für alle Beteiligten überaus anstrengend. Sicher, es ist unangenehm, sich mit seinen eigenen Begrenzungen zu beschäftigen. Jeder sollte sich frühzeitig die Frage stellen: "Wie will ich im Alter leben?". Wenn der Gedanke, so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden wohnen zu bleiben vorhanden ist, sollten frühzeitige, präventive Maßnahmen erfolgen. Dies könnte sein: Bodengleiche Dusche, Traversen für Stützklappgriffe in Vorwandelementen einplanen, Bewegungsflächen so planen, dass gegebenenfalls eine Pflegekraft tätig werden kann.
MC: Verursachen solche Umbauarbeiten nicht immense Kosten?
GJ: Auch die Kosten für ein Pflegeheim sind immens hoch. Momentan ist die Finanzierung für Pflegeeinrichtungen noch leistbar. Die kommenden Generationen können immer seltener auf eine umfassende Altersabsicherung zurückgreifen. Das heißt, wir müssen über tragfähige und finanzierbare Alternativen nachdenken. Hierzu gehören barrierefreie Anpassungen und barrierefreie Neubauen, sodass möglichst viele Menschen möglichst lange selbständig in Ihrem Zuhause wohnen bleiben können.

StadtZeit Kassel Nr. 57, AUG/SEP 2013